2006.11 - Südamerika 2
 
 

2006 - November, Santiago de Chile

🏙️ Santiago: Kulinarik am Fuße der bebenden Riesen

Nach unserem Abstecher in die Mystik der Osterinsel hat uns die Zivilisation wieder – und wie! Wir sind in Santiago de Chile gelandet, einer Metropole, die sich spektakulär an den Fuß der schneebedeckten Anden schmiegt. Hier schlägt das Herz des Landes, denn immerhin teilen sich sechs der insgesamt fünfzehn Millionen Chilenen den Platz in dieser lebendigen Hauptstadt. Unser erster Weg führte uns natürlich zur „Plaza de Armas“, dem historischen Zentrum. Man muss ehrlich sein: Wer hier den klassischen, makellosen Kolonialstil erwartet, wie man ihn etwa im peruanischen Cusco findet, wird beim ersten Flanieren vielleicht ein wenig überrascht sein. Der architektonische Eindruck ist eher bodenständig als berauschend, was jedoch einen sehr handfesten Grund hat.

Die Erde hier in Chile ist nämlich fast so aktiv wie die Stadtbewohner selbst. Mit durchschnittlich 500 kleinen und sieben ausgewachsenen Erdbeben pro Jahr ist Santiago ständig in Bewegung. Das letzte wirklich große Beben im Jahr 1985 hat tiefe Spuren hinterlassen und erklärt, warum viele der ganz alten Prachtbauten moderneren, erdbebensicheren Konstruktionen weichen mussten. Doch was Santiago vielleicht an historischer Fassade fehlt, macht es durch seinen Charme und vor allem durch seine Küche wieder wett.

Wir haben die Stadt vor allem kulinarisch erkundet und müssen sagen: Die chilenische Küche trifft genau unseren Geschmack! Ob wir nun in einem ausgezeichneten japanischen Restaurant schlemmten oder lokale Spezialitäten probierten – wir haben jedes Mal ganz vorzüglich gespiesen. Auch das Portemonnaie freut sich über eine gewisse Ausgewogenheit: Zwar ist das Leben hier merklich teurer als bei unseren Nachbarn in Bolivien, Peru oder Ecuador, aber im Vergleich zu vielen anderen Orten der Welt schont es die Reisekasse doch noch ganz angenehm. So lässt es sich wunderbar für ein paar Tage flanieren, genießen und die Anden-Luft schnuppern, bevor uns der Weg weiter durch Südamerika führt.



2006 - November, Valparaiso

Valparaíso: Das bunte Juwel am Pazifik

Im November 2006 zog es uns für einen Tagesausflug aus der Hauptstadt hinaus. Nur etwa zwei Stunden Busfahrt trennen Santiago von Valparaíso, der größten Hafenstadt am Pazifik – und was sollen wir sagen? Die Kommentare auf TripAdvisor hatten absolut recht: Valparaíso ist schlichtweg bezaubernd. Sie ist zweifellos die einzigartigste Stadt Chiles, wenn nicht sogar ganz Lateinamerikas. Lange Zeit galt sie als das bestgehütete Geheimnis des Kontinents, doch seit sie 2003 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurde, spricht sich ihre Schönheit herum.

Einst stand die Stadt in voller Blüte, bis die Eröffnung des Panamakanals im Jahr 1914 die großen Schiffsrouten veränderte. Doch der Glanz der alten Tage ist geblieben – vor allem in Form der „Ascensores“. Diese charmanten kleinen Schrägaufzüge befördern die Bewohner zu ihren Häusern an den steilen Hängen und uns zu den spektakulärsten Aussichtspunkten. Besonders die Standseilbahn „Artillera“ hat es uns angetan. Sie ist die längste ihrer Art auf der Insel und präsentiert sich nach mehr als 100 Jahren immer noch stolz im Originalzustand von 1893. Wenn man die zwei betagten Schäkel betrachtet, an denen die Drahtseile befestigt sind, kommen einem als Segler zwar kurzzeitig leichte Sicherheitsbedenken, aber sobald sich der Blick über die weite Bucht öffnet, verfliegen diese in der Ferne. Der Ausblick ist schlichtweg atemberaubend und lässt jede Sorge über die historische Technik vergessen.

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2006 - November, San Pedro de Atacama

🌵 San Pedro de Atacama: Wo der Regen ein Fremdwort ist

Von der Küste ging es für uns wieder hoch hinaus und tief hinein in den Norden. Wir ließen Santiago hinter uns, flogen nach Calama und stiegen dort direkt in den Bus nach San Pedro de Atacama um. Hier betritt man eine Welt, die so trocken ist, dass man fast vergisst, wie sich Regen eigentlich anfühlt. Die Atacamawüste gilt als eine der lebensfeindlichsten und trockensten Landschaften unseres Planeten – ein Titel, den sie sich redlich verdient hat.

Schon seit stolzen 15 Millionen Jahren herrscht hier ein hyperarides Klima. Es gibt Orte in dieser Einöde, an denen seit Jahrzehnten kein einziger Tropfen Regen registriert wurde. Das ist so trocken, dass selbst der hartnäckigste Staubwedel hier wohl vorzeitig in Rente gehen würde! Besonders der südliche Bereich war bis vor kurzem so unwirtlich, dass dort bis zum Beginn des 21. Jahrhunderts absolut niemand wohnen wollte.

Doch gerade diese extreme Stille und die raue Schönheit machen San Pedro zu einem ganz besonderen Ort. Wohin man auch schaut, überall ragen majestätische Vulkane in den tiefblauen Himmel – einige von ihnen sind sogar noch aktiv und erinnern uns daran, dass unter dieser stillen Wüste das Leben brodelt. Besonders beeindruckt hat uns der „Hausvulkan“ von San Pedro, der Licanabur. Mit seiner fast perfekten Kegelform wacht er über die Landschaft und verleiht der ohnehin schon mystischen Szenerie einen Hauch von Ewigkeit.

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🔭 Griff nach den Sternen: Eine Nacht im Universum

Zum krönenden Abschluss unseres Aufenthalts in San Pedro gönnten wir uns einen Abend, der uns buchstäblich in andere Welten entführte: Wir besuchten eine lokale Sternwarte. Unter dem kristallklaren Himmel der Atacama, der weltweit für seine astronomischen Bedingungen gerühmt wird, kamen wir den Sternen so nah wie nie zuvor. Durch ein gewaltiges Teleskop gelang uns mit unserer eigenen Kamera sogar ein beeindruckender Schnappschuss des Mondes – ein Andenken für die Ewigkeit.

Doch der Mond war nur der Anfang. Wir blickten tief in den Nebel des Sternbilds Orion, wo wir einen regelrechten „Gebärraum“ für junge Sterne bestaunten. Auch der ferne Uranus, die majestätische Andromeda-Galaxie und zahlreiche weitere Konstellationen gerieten in unser Visier. Die Einführung durch die Astronomen regte zum Nachdenken an: Bei Milliarden von Galaxien, die wiederum Milliarden von Sonnensystemen beherbergen, scheint die Existenz von außerirdischem Leben fast eine mathematische Gewissheit zu sein. Jede Sonne hat ihre Planeten, und in der richtigen Entfernung liegt die „Lebenszone“.

Das einzige, was uns wohl von unseren Nachbarn im All trennt, sind die schier unvorstellbaren Distanzen. Doch ob wir nun jemals Besuch von grünen Männchen bekommen oder nicht – diesen unvergesslichen Blick in die Unendlichkeit sollte sich jeder einmal gönnen. Wir haben diesen Abend jedenfalls tief beeindruckt beendet, bevor uns unsere eigene Reise wieder fest auf den südamerikanischen Boden zurückführte.



🌋 Geysire, Flamingos und einsame Kirchen

Unser Abenteuer in der Atacama nahm so richtig Fahrt auf, als wir uns morgens um vier Uhr aus den Federn quälten. Ziel war das 90 Kilometer nördlich gelegene Geysirfeld „El Tatio“ auf stolzen 4.500 Metern über dem Meeresspiegel. Warum so früh? Nun, die rund 150 schwefelhaltigen Fumarolen kommen erst bei Minustemperaturen so richtig in Fahrt. Bei knackigen -5° boten uns die rauchenden Quellen ein Spektakel, das jede Müdigkeit vergessen ließ. Das Prinzip dahinter ist faszinierend: Kaltes Quellwasser trifft tief unter der Erde auf glühend heißes Vulkangestein, siedet auf und schießt durch den Überdruck als Dampf oder kochendes Wasser nach oben. In dieser Höhe kocht das Wasser übrigens schon bei 85°. Man muss allerdings höllisch aufpassen, wo man hintritt, denn der Boden ist tückisch und kann jederzeit einbrechen – ein Fehltritt könnte hier buchstäblich ins Auge (oder den Kochtopf) gehen.

Trotz der extremen Bedingungen gibt es hier oben echtes Leben. Unter der Salzschicht seichter Gewässer schwimmen kleine Krebse, die sich von Algen ernähren und wiederum die Hauptspeise der Flamingos bilden. In der „Laguna de Chaxa“ konnten wir diese eleganten Vögel beobachten. Die Bedingungen dort sind allerdings speziell: 40 Grad Hitze, kein Schatten, 0 % Luftfeuchtigkeit und eine Stille, die so absolut ist, dass man fast seinen eigenen Herzschlag hört.

Auf dem Rückweg entdeckten wir im winzigen Dorf Caspana eine bezaubernde Kathedrale mit Doppelglocken. Wir vermuten ja, dass Caspana die höchste Kirchendichte pro Kopf weltweit hat – schließlich teilen sich diese Pracht derzeit nur sieben ansässige Familien. Unser zweiter Ausflug führte uns schließlich noch höher, auf über 4.200 Meter zu den Lagunas Miscanti und Miñiques. Der Weg dorthin durch die Steinwüste wirkt wie von einem anderen Stern. Umso erstaunlicher ist es, dass in den wenigen, „gottverlassenen“ Siedlungen dank winziger Wasserläufe auf schmalen Terrassenfeldern sogar Süßkartoffeln und Sonnenblumen gedeihen. Die Natur findet eben doch immer einen Weg, selbst in der trockensten Wüste der Welt.



🌙 Valle de la Luna: Spaziergang auf dem Mond

Kein Besuch in San Pedro wäre komplett ohne einen Abstecher in das „Valle de la Luna“, das Mondtal. Der Name ist hier absolut Programm, denn die Landschaft wirkt so unwirklich, als hätten wir die Erde verlassen. Geologisch gesehen ist das Tal ein Meisterwerk der Geduld: Über Jahrmillionen bildete sich hier eine horizontale Sammlung feinster Mineralschichten aus Sand, Gips und Salz.

Später sorgten gewaltige Erdbewegungen dafür, dass diese Ordnung buchstäblich „zerstört“ wurde – die Schichten wurden gefaltet, geknickt und aufgetürmt. Den Rest erledigten Wind und Wasser, die wie exzentrische Bildhauer an den Steinen nagten und jene bizarren Formationen schufen, die uns heute so staunen lassen. Wenn man zwischen den weißen Salzkrusten und den rötlichen Felsen steht, fällt es schwer zu glauben, dass wir uns noch auf unserem eigenen Planeten befinden. Es ist eine Welt aus Stille und skurrilen Formen, die zeigt, was die Natur ohne jegliche Eile erschaffen kann.
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